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Article

31 mar 2026

Auteur:
Hannah Jagemast, Frankfurter Runschau

Deutschland: Privatdetektiv soll IKEA Mitarbeiterin und Betriebsrätin im Auftrag des Unternehmens beschattet haben

Allégations

"Ikea-Mitarbeiterin von Privatdetektiv verfolgt – Hinweise gegen das Unternehmen verdichten sich"

Schwere Vorwürfe gegen Ikea Wallau: Ein Privatdetektiv soll eine Mitarbeiterin und Betriebsrätin beschattet haben – im Auftrag des Unternehmens.

„Wir sind alle sehr schockiert“, erzählt Kerstin Franz. Sie ist Betriebsratsvorsitzende bei Ikea Wallau. Seit Längerem beobachtet sie einen zunehmenden Druck auf die Belegschaft, doch jetzt sei eine rote Linie überschritten.

Der Grund: Eine Kollegin und Betriebsrätin soll observiert worden sein. Darauf deuten auch Protokolle des Polizeipräsidiums Westhessen hin, die der FR vorliegen. Sie legen nahe, dass Ikea den Privatdetektiv engagierte.

Die betroffene Kollegin war an Franz herangetreten. Sie schilderte ihre Geschichte, die im August vergangenen Jahres begann: Ein Mann in einem schwarzen Auto habe sie verfolgt. Zum ersten Mal sei ihr der Wagen auf dem Weg zum Arzt aufgefallen, später beim Einkaufen und auf dem Weg nach Hause. „Die Kollegin hatte mich schon währenddessen angerufen, sie war verängstigt und sehr unsicher.“ Franz habe zuerst ungläubig reagiert.

Doch nun, knapp sieben Monate nach dem Vorfall, verdichten sich aus Sicht von Kerstin Franz mit Blick auf die Polizei-Protokolle die Hinweise, dass Ikea hinter der Observation steckt. „Wir hatten es inzwischen schon geahnt, wollten es aber nicht wahrhaben“, sagt Franz. Als Betriebsratsvorsitzende beim Ikea in Wallau habe sie viele Gespräche mit der Betroffenen geführt, die selbst im Betriebsrat sitzt. Danach verfasste das Gremium eine Stellungnahme. Es sei ihre Verantwortung, für Transparenz zu sorgen, so Franz.

Ikea-Mitarbeiterin überwacht: Warum der Fall aus Wallau so brisant ist

Der Fall ihrer Kollegin sei von besonderer Brisanz: Seit ihrer Corona-Erkrankung vor knapp fünf Jahren leide sie an Long Covid, sei in Pflegegrad 2 eingestuft und schwerbehindert. Damit unterliege sie dem besonderen Kündigungsschutz. Aufgrund der gesundheitlichen Umstände wurden mit dem Arbeitgeber besondere Arbeitszeiten verhandelt, um einen frühzeitigen Renteneintritt zu verhindern, wie Franz erzählt. Ein Bericht der Betriebsärztin, der wenige Wochen vor der Observation ausgestellt wurde, bestätigt das. Diese besonderen Arbeitszeiten werden in dem Schreiben nachdrücklich empfohlen.

Auf Anfrage der FR verweist Ikea darauf, dass das Unternehmen sich grundsätzlich „von jeder Form rechtswidriger Mitarbeiterüberwachung“ distanziert. Zu dem konkreten Fall heißt es vonseiten des Unternehmens: „Ikea Deutschland befindet sich aktuell in der umfassenden Sachverhaltsaufklärung und prüft selbstverständlich auch mögliche Konsequenzen.“

Ein Arbeitgeber darf Mitarbeitende durch einen Detektiv überwachen lassen. Dafür brauche es aber den dringenden Verdacht, dass die Person ihre arbeitsrechtlichen Pflichten verletzt oder eine Straftat begeht, erklärt Arbeitsrechtler Michael Fuhlrott. „Die Observation darf dann auch heimlich passieren, die betroffene Person muss jedoch im Nachhinein über die Maßnahme informiert werden.“ Generell müsse sichergestellt sein, dass dieses Instrument verhältnismäßig sei. [...]

Kerstin Franz vermutet deshalb, dass es um die Tätigkeit im Betriebsrat bei Ikea gehe: „Die Kollegin ist sehr engagiert und hartnäckig.“ Als stellvertretende Betriebsratsvorsitzende setze sie sich für kranke Kolleg:innen ein. Sie verhandle Arbeitszeiten, die es den Mitarbeitenden ermöglichen, zurück in die Arbeit zu finden.

Überwachung von Betriebsräten bei Ikea: Verdi äußert sich

Kerstin Franz beobachtet die Entwicklungen bei ihrem Arbeitgeber äußerst kritisch. Schon seit ungefähr eineinhalb Jahren nehme der Druck vonseiten der Geschäftsführung zu. Dabei versuche sie gezielt, die Arbeit des Betriebsrates zu diskreditieren.

Auch die Gewerkschaft Verdi vermutet, dass die Observation ein Ziel habe: engagierte Betriebsrätinnen einzuschüchtern. Sabine Gatz ist bei Verdi für Ikea zuständig. „Seit den Verhandlungen 2023 und 2024 im Zuge des Digitalisierungsschubs im Unternehmen beobachten wir einen Kulturwandel. Der Druck auf engagierte Betriebsratsarbeit nimmt zu.“ Nicht alle trauten sich jedoch, öffentlich darüber zu sprechen, sagt sie. [...]

Im Ikea Warenhaus in Wallau sei die Stimmung aufgeheizt. Kerstin Franz wartet darauf, dass sich die Geschäftsführung zu dem Vorfall äußert, was bisher nicht geschehen sei. Für diese Woche habe sie die Vorgesetzten zur Betriebsratssitzung eingeladen. Zu der diesjährigen Betriebsratswahl haben sich Franz und ihre von der Observation betroffene Kollegin erneut aufstellen lassen: „Jetzt erst recht“, sagt Franz.