EU-Lieferkettenrichtlinie: Misereor fordert nach Abschwรคchung auf EU-Ebene Nachbesserung bei der Umsetzung
"Was bleibt von der EU-Lieferkettenrichtlinie รผbrig?"
Die EU hat die Lieferkettenrichtlinie abgeschwรคcht. Armin Paasch von Misereor fordert: Deutschland muss bei der Umsetzung nachbessern.
Noch bevor die EU-Lieferkettenrichtlinie in Kraft trat, schwรคchte die EU sie wieder ab. Armin Paasch, der fรผr Misereor in der Initiative Lieferkettengesetz tรคtig ist, schรคtzt dennoch, dass die Richtlinie in Deutschland zu einer Verbesserung der Sorgfaltspflichten von Unternehmen entlang ihrer Lieferketten fรผhrt.ย
Herr Paasch, das EU-Parlament stimmte vor Weihnachten einer Abschwรคchung der Lieferkettenrichtlinie zu. War nun alles umsonst?
Hochproblematisch ist zunรคchst, dass die einheitliche zivilrechtliche Haftungsregel fรผr EU-Unternehmen gestrichen wurde, ebenso die Pflicht zur Erstellung und Umsetzung von Klimaplรคnen โ und das im zweitwรคrmsten Jahr seit Aufzeichnung der Temperaturen. Inakzeptabel ist auch die eingeschrรคnkte Anwendung der Lieferkettenrichtlinie auf Groรkonzerne ab 5.000 Mitarbeitenden und 1,5 Milliarden Umsatz. Trotz dieser massiven Abschwรคchungen sind aber immer noch einige starke Elemente dabei, die auch zu Verbesserungen im deutschen Gesetz fรผhren werden. Das ist zum einen der risikobasierte Ansatz. Das heiรt, dass die im deutschen Lieferkettengesetz verankerte Beschrรคnkung auf direkte Zulieferer entfรคllt. Die Unternehmen mรผssen sich nach der Schwere und der Wahrscheinlichkeit der Menschenrechtsverletzungen richten.
Ein anderer Vorteil gegenรผber dem deutschen Gesetz ist, dass der Hรถchstsatz fรผr Buรgelder hรถher liegt: 3 Prozent des Jahresumsatzes sieht die EU-Regulierung vor, nach dem deutschen Gesetz sind es bisher 2 Prozent. Auch mรผssen mehr Umweltabkommen in den sachlichen Anwendungsbereich aufgenommen werden, zum Beispiel Abkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt, der Meeresumwelt und der Ozonschicht. Besonders wichtig ist, dass die EU-Richtlinie weiterhin eine Wiedergutmachung fรผr Schรคden an der Lieferkette vorschreibt und die EU-Mitgliedstaaten weiterhin verpflichtet, das Recht auf Entschรคdigung auch zivilrechtlich zu regeln, wenn auch nicht EU-weit einheitlich
Wieso wurde die Lieferkettenrichtlinie denn รผberhaupt abgeschwรคcht, bevor sie in Kraft getreten war?ย
Gemeinsam mit anderen Anpassungen wie zu den Berichtspflichten von Unternehmen hat die EU-Kommission die รnderungen der Lieferkettenrichtlinie im Omnibus-I-Paket vorgeschlagen. Die Kommission begrรผndet das mit dem Ziel, die Wettbewerbsfรคhigkeit der europรคischen Wirtschaft zu sichern. Es gab allerdings im Vorhinein keine Folgenabschรคtzung der Lieferkettenrichtlinie und keine Konsultation mit der Zivilgesellschaft, Wissenschaft oder mit Unternehmen. Das heiรt, die Kommission hat ohne empirische Basis agiert. Sie hat auf den Bericht von Mario Draghi zur Wettbewerbsfรคhigkeit verwiesen. Da wird die Lieferkettenrichtlinie allerdings nur im Anhang erwรคhnt und nur in einem Absatz. Letztendlich stimmte das EU-Parlament am 16. Dezember fรผr den Backlash. Dabei hat die Europรคische Volkspartei (EVP) die Brandmauer abgerissen und hat mit allen drei rechtsextremen Fraktionen im Europรคischen Parlament gemeinsam diesen Omnibus beschlossen.
Haben Lobbyverbรคnde bei diesem Kurswechsel auch eine Rolle gespielt?
Ja, der Druck gerade von Wirtschaftsverbรคnden war enorm. Man kann sehen, dass der Kommissionsvorschlag zum Omnibus-I-Paket in weiten Teilen von einem Positionspapier des Bundesverbands der Deutschen Industrie und seiner franzรถsischen und italienischen Pendants abgekupfert wurde. Hinzu kam Druck aus einzelnen Konzernen, wie das Schreiben der CEOs von Siemens und Total Energy an Macron und Merz zeigt. Sie forderten eine Abschaffung der Lieferkettenrichtlinie. Kรผrzlich wurde durch einen Leak bekannt, dass elf Konzerne, darunter viele Erdรถlkonzerne, einen sogenannten Competitiveness Roundtable gebildet und systematisch Einfluss auf europรคische Regierungen und Europaabgeordnete genommen haben, insbesondere der EVP. Dabei haben sie den Konservativen eine Zusammenarbeit mit den rechtsextremen Fraktionen vorgeschlagen, was dann ja erfolgt ist.
Das heiรt, Unternehmen sind per se gegen eine Sorgfaltspflicht entlang der Lieferkette?
Nein, das Jaro-Institut fand in einer reprรคsentativen Umfrage heraus, dass Unternehmen durchaus Vorteile in der Sorgfaltspflicht entlang der Lieferketten sehen: zum Beispiel mehr Transparenz und Resilienz entlang der Lieferketten, eine bessere Qualitรคt der Produkte, Mitarbeiterzufriedenheit entlang der Lieferkette und auch ein besseres Renommee. Das ist aber in der รถffentlichen Debatte stark untergegangen. Viele von diesen Unternehmen haben sich fรผr das deutsche Gesetz und eine starke EU-Lieferkettenrichtlinie stark gemacht. Aber die Wirtschaftsverbรคnde haben da eine ganz andere Position eingenommen, die konservativste in ihrem Mitgliederspektrum. Dabei war die EU-Lieferkettenrichtlinie, die in ihrer ursprรผnglichen Form auch die Klimafolgen in den Blick genommen hatte, ein wichtiger Impuls fรผr die Zukunftsfรคhigkeit der Wirtschaft, wie ein รถkonomisches Gutachten im Auftrag von Misereor, Verdi, dem Europรคischen Gewerkschaftsbund unter anderem gezeigt hat. [...]